09.04.2020

Interview mit HR-Fachmann Rudolf Kast

Mit Personalmanagement-Instrumenten die Krise meistern

Pascal Frai von der Dortmunder Hafen AG führte in den vergangenen Tagen das folgende Interview mit Personalmanagement-Experte Rudolf Kast.

Was sind die wichtigsten drei Dinge, die ein von der Wirtschaftskrise existentiell betroffenes Unternehmen jetzt unmittelbar in Angriff nehmen sollte?

Kast: Natürlich ist zuerst die intensive Nutzung der Kurzarbeit zu nennen, was die Unternehmen in Deutschland je gerade so intensiv wie noch nie in Anspruch nehmen.

Zweitens sehe ich die Notwendigkeit der umfangreichen Nutzung von flexiblen Arbeitszeitmodellen mit der Möglichkeit, Überschüsse auf Langzeitkonten abzubauen, sofern vorhanden oder ins Minus aufzubauen bei Neueinführung. Arbeitszeitmodelle können mit evtl. drei Varianten wie Kurzzeit, Langzeit- und Sicherungskonten ausgestaltet sein, mit denen je nach Auftragslage die Arbeit gesteuert wird. Denkbar ist auch die verstärkte Nutzung von Arbeit auf Abruf je nach Kapazitätsanfall. Der Abbau von Urlaubssalden gehört natürlich auch in den Instrumentenkasten, jetzt Urlaub nehmen, um in der Zeit nach Corona mit voller Kraft am Markt präsent zu sein.

Drittens sind in Zeiten der Krise solidarische Effekte gefragt: Führungskräfte verzichten auf Teile ihres fixen und / oder variablen Gehalts, während die Mitarbeitenden in Kurzarbeit sind. Beschäftigte und Führungskräfte stützen das Unternehmen mit Darlehen, die mit einem Prozentsatz X verzinst und vom Unternehmen in wieder besseren Zeiten ausgezahlt werden. Denkbar wäre über finanzielle Einlagen der Beschäftigten auch deren finanzielle Beteiligung am Unternehmen.

Staatliche Zuschüsse sind das Eine. Welche Instrumente aus den Bereichen Personalmanagement bzw. Human Resources kann ein Unternehmen jetzt zusätzlich ergreifen, um gut durch die Krise zu kommen?

Kast: Die Chancen des Digitalen Lernens in der Qualifizierung nutzen: das Chancenqualifizierungsgesetz der Bundesregierung bietet über die Agenturen für Arbeit große Möglichkeiten der finanziellen Förderung des Lernens, um sich auf strukturelle Veränderungen vorzubereiten.

Diese Zuschüsse gibt es auch für Online-Qualifizierungen, was wenig bekannt ist. Gerade wenn Kurzarbeit im Unternehmen besteht, kann die sogenannte freie Zeit, über die der Arbeitgeber ja bestimmen kann, zum Lernen genutzt werden in einer WIN-WIN -Situation für Beschäftigte und Arbeitgeber.

Die Unternehmen werden also nicht nur finanziell unterstützt, sondern können gleichzeitig alle Formen von formellem und informellem Lernen über die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung weiter ausbauen.

Stecken in der aktuellen Krise auch Chancen für Unternehmen und wenn ja: welche?

Kast: Die Chance zum Lernen habe ich schon erwähnt. Eine weitere Chance besteht in der direkten und unmittelbaren Kommunikation in der Krise durch die Führungskräfte zu den Mitarbeitenden. Das Top-Management und die Führungskräfte haben in einer Krise die Chance, ihre klaren und zukunftssichernden Vorstellungen und konkreten Maßnahmen direkt zu kommunizieren und damit das Vertrauen aller Mitarbeitenden zu gewinnen.

Hierfür ist wichtig, dass einmal pro Woche eine direkte mündliche oder virtuelle Kommunikation stattfindet, in der über den aktuellen Stand des Unternehmens informiert wird und die nächsten Schritte je nach Lage. Selbst wenn das Management nicht in jeder Lage genau wissen kann, wie sich das Umfeld entwickelt, so ist es dann wichtig, je nach Szenario die nächsten Schritte zu skizzieren, die man sich überlegt hat. Dies schafft Berechenbarkeit und damit Vertrauen.

In der Krise erwarten dies die Mitarbeitenden von ihrer Führung. Wir erleben das auch gerade in der Politik, wie dankbar die Bevölkerung seriöse und glaubhaft vermittelte Botschaften aufnimmt. Eine Chance für jedes Management, in der direkten Kommunikation auch wieder einen näheren Zugang zu Belegschaften zu finden.

Rudolf Karst

Rudolf Kast

Zur Person

Rudolf Kast ist Vorstandsvorsitzender des gemeinnützigen Think Tanks Das Demographie Netzwerk e.V. (ddn) und wurde für seine richtungsweisende Personalarbeit mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seit 2007 ist Rudolf Kast Mitglied des Fachbeirats der Zeitschrift Personalwirtschaft und nach einer Befragung des Personalmagazins seit 2003 einer der 40 "Führenden Köpfe" im deutschen Personalwesen. Seit 2011 ist er selbständiger Berater für Personalmanagement und Karriereentwicklung.

Weitere Informationen zur Gestaltung von Arbeit in der Corona-Krise finden Sie hier:

Das Demographie Netzwerk (ddn):
www.demographie-netzwerk.de/aktuelles/neue-inqa-themenseite-arbeiten-in-der-corona-krise/

Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA):
https://www.inqa.de/DE/Corona/HomeOffice/home-office.html